Es geht um mehr als den Gesang

HNA Hofgeismar
30 /05 / 2017

Es geht um mehr als den Gesang

VON GREGORY DAUBER

In Hofgeismar werden Aphasiker im Chor therapiert – Das Singen hilft, die Sprache zurückzubringen

HOFGEISMAR. Sie treffen kaum einen Ton, die Liedtexte sind simpel und teilweise altbekannt. Mit Rasseln in Eierform wird die Melodie, mehr oder weniger rhythmisch, nachgemacht. Dieser Chor ist kein gewöhnlicher Chor. Beim Aphasiker-Chor im Evangelischen Krankenhaus Gesundbrunnen in Hofgeismar singen Menschen, für die Sprache alles andere als selbstverständlich ist. Wer an Aphasie leidet, der hat eine schwerwiegende Störung im Sprachzentrum des Gehirns. Meist sind es Schlaganfälle, die eine Aphasie auslösen. Auch Hirnblutungen, Verletzungen wie Schädel-Hirn-Traumata und Tumore können zur Aphasie führen (siehe Artikel links). Manche Aphasiker können kaum oder gar nicht sprechen, andere haben Probleme mit der Wortfindung oder dem Sprachverständnis. Eine noch wenig verbreitete Therapieform für die Aphasie ist das Singen. In Deutschland gebe es nur eine Handvoll ähnlicher Projekte, erklärt die Chorleiterin Heike Bandner- Wappler. Ihr Ehemann, Dr. Manfred Wappler, ist Chefarzt der Geriatrie am Gesundbrunnen. Auch durch ihn ist die Diplom-Musiklehrerin auf die Bedürfnisse  älterer Menschen aufmerksam geworden, machte Fortbildungen in Musikund Kulturgeragogik. „Ich bin Pädagogin für alle älteren Menschen“, sagt sie selbst. Über diesen Weg ist sie auf die Aphasiker gestoßen.  Seit März 2016 trifft sich der Aphasiker-Chor zweimal im Monat in der Tagesklinik am Krähenberg. Dabei geht es eben nicht um musikalische Perfektion oder mehrstimmige Gesänge: Die Hauptsache ist zunächst einmal, dass überhaupt gesungen wird. „Viele Teilnehmer haben Probleme mit neuen Texten. Das, was sie noch aus früheren Tagen kennen, fällt ihnen viel leichter“, erklärt Bandner-Wappler. Wenn die Sprache länger ausgefallen sei, dann helfe das Singen bei der Reaktivierung der Stimmbänder und der Gesichtsmuskulatur. Fast wichtiger als Textsicherheit ist der Augenkontakt, den Bandner-Wappler mit ihren Chormitgliedern ständig sucht. „Machen sie meine Mundbewegungen nach“, fordert sie dann. Eine, die ganz von vorn beginnen musste, ist Brunhilde Lang aus Hümme. Vor 13 Jahren erlitt die Frau einen schweren Schlaganfall, lag elf Tage im Koma, sprach monatelang kein Wort. „Das Sprechen kommt nur sehr, sehr langsam  Lieder“, sagt sie mit leicht stockender, aber glasklarer Stimme. „Ich weiß noch sehr genau, wie groß die Freude war, als ich nach drei Monaten die ersten Laute von mir gegeben habe“, erinnert sie sich. „Frau Bandner-Wappler macht das ganz toll, sie geht auf jeden Teilnehmer ein. Die Mundbewegungen müssen gezielt geübt werden“, erklärt Lang. Die Freude und der Ehrgeiz sind ihr bei jeder Silbe anzusehen.